Freitag, 13. November 2009

Depression - ein realistischer Blick auf das eigene Sein

Warnung: Zur Depression neigende, zu selbstkritische und labil-traurige Persönlichkeiten lesen besser nicht weiter!

Seit Robert Enkes Selbstmord redet ganz Deutschland darüber und findet sie als neue Volkskrankheit wieder: die Deppression.
Viele haben sie, fast jeder hatte sie mal gehabt oder wird sie noch haben. Jeder 5 soll daran leiden, insgesamt rund 4 Millionen. Ein Fall wie der des Profitorwarts, so tragisch er ist, scheint wie ein Befreiungsschlag über die deutschen Landen zu ziehen, denn vorher war es das große Tabuthema, die Krankheit, die heimlich ihre Opfer sucht und findet. Jetzt sehen all die depressiven und irgendwann mal depressiven die Chance, aus zu leben, was sie schon lange beschäftig und begleitet. Jetzt dürfen sie endlich depressiv sein, ohne sich schämen zu müssen, denn sie haben in der Figur Enke alle eine neue, prominente Identifikationsfigur gefunden, eine Gallionsfigur, die vorne ans sinkende Schiff gefesselt, einen guten Rammbock gegen die Mauer des Schweigens macht. 
Auch wenn wir inzwischen, dank der Medien, wohl alle wissen was Depressionen wirklich sind und wie sie sich in uns zeigen, möchte ich es hier noch einmal kurz verständlich machen.
Eine klinische Erklärung findet sich im ICD 10 für Depressionen:
[...] leidet der betroffene Patient unter einer gedrückten Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und Aktivität. Die Fähigkeit zu Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert. Ausgeprägte Müdigkeit kann nach jeder kleinsten Anstrengung auftreten. Der Schlaf ist meist gestört, der Appetit vermindert. Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sind fast immer beeinträchtigt. Sogar bei der leichten Form kommen Schuldgefühle oder Gedanken über eigene Wertlosigkeit vor. Die gedrückte Stimmung verändert sich von Tag zu Tag wenig, reagiert nicht auf Lebensumstände und kann von sogenannten "somatischen" Symptomen begleitet werden, wie Interessenverlust oder Verlust der Freude, Früherwachen, Morgentief, deutliche psychomotorische Hemmung, Agitiertheit, Appetitverlust, Gewichtsverlust und Libidoverlust.[...]
Und das ist wohl der Beweis, dass wir sie eigentlich alle kennen, diese kurzen oder langen Episoden der Verzweiflung, die Zeiten der Schwere und die Gedanken über Sinnlosigkeit. Um es im fachjaggon zu beschreiben: Das ist mal wirklich krank [sick!]
Ich möchte diesen trägen Blick nun etwas verfeinern, vertiefen und beflügeln, denn ich glaube nicht, dass es sich um eine Krankheit oder einen heilbaren Zustand handelt, sondern um eine einfache Konsequenz, die Eintritt, wenn unser Bewußtsein die vorgelebte Bedeutung von Sein ablegt und zu einer pragmatischen und einer realistischen Analyse verkehrt. Das kann durch externe Einflüsse, durch Schicksalsschläge, Stress usw. oder durch interne Auswüchse spontaner Sinnlosigkeit und Auswegslosigkeit ausgelöst werden. Dann fallen wir alle in ein mehr oder weniger tiefes, mehr oder weniger dunkles Loch und hocken zusammengekauert in uns selbst.
Ist doch eigentlich sinnlos. Wozu braucht der Mensch die Depression, ist sie doch evolutionär gesehen vollkommen unvorteilhaft. Genau. Im Kampf um die besten Plätze auf der Bühne des Lebens ist Stärke ein Vorteil, Überleben eine Gunst und Bewusstsein eine Macht, aber auch ein Risiko, wie wir inzwischen erkannt haben. Bewusstsein erobert die Welt, beherrscht sie und vernichtet sie, vielleicht vollkommen und bis zum bitteren Ende und wäre dann eine Sackgasse auf der Überholspur im Artenkampf.
Wir gehen jetzt mal davon aus, dass Leben nur Zufall und Evolution ist und Bewusstsein nur eine Folge von Genkreuzungen, dass es keinen Gott gibt und kein Leben nach dem Tod, was ist das Sein dann? Das Sein ist dann eine Insel inmitten des Nichts oder ein kleiner, leuchtender Platz, auf dem Boden eines tiefen, schwarzen Loches. Und nur das Bewusstsein ist in der Lage, dies zu erkennen. Die Möglichkeit sich selbst inmitten des Raumes zu betrachten und zu bestimmen, ist vielleicht die Krönung einer Art auf unserem Planeten, aber auch ein schwere Last, die zur Belastung wird, geht einmal das Licht aus und lässt einen Blick auf das schwarze, alles verschlingende Ungetüm zu, welches uns ständig im Nacken sitzt. Nur der bewusste Blick auf das Sein gibt uns die Möglichkeit die eigene Sinnlosigkeit zu erkennen. Und um das zu verhindern, damit wir unseren evolutionärem Zweck nachkommen, hat sich das selbst erkennende Ich, im Laufe von hundertausenden von Jahren, Möglichkeiten gesucht, die Welt und sich selbst durch eine funktionierende Brille zu betrachten, hat sich mentale und folgend genetische (das scheinbar gefundene Gottes-gen) Filter eingerichtet, mit dem es sich das eigene Überleben sichert. Und es scheint in der Regel gut zu funktionieren, denn sonst würde ich hier nicht sitzen und über meine persönliche Unsinnigkeit schreiben. Aber wenn es mal nicht funktioniert, wenn die Filter abgerissen werden oder die Brille gar zerbricht, wenn die Energie nicht mehr ausreicht, die Lampen ausgehen, die unserem Platz im Loch einen Schein von Orientierung und sinnvoller Selbstdarstellung geben, unsere Insel der Existenz in Dunkelheit tauchen, dann erleben wir das kalte Grauen, dann sehen wir uns dort, wo wir herkommen und hingehen, dann erleben wir einen reinen und geklärten Blick auf die eigene Existenz. Das einzige was uns jetzt noch retten kann sind die natürlichen Ressourcen, die unsere Filter wieder instand setzen oder die medikamentösen Betablocker, Serotoninaufstocker, Dopaminausschütter, Neurotransmitterhaushaltinordnungbringer und Gesprächs- und Verhaltenstherapie.
Ja, es gibt einen Weg aus der Dunkelheit, aber leider nur zeitlich begrenzt.

Um noch mal zu Robert Enke zurück zu kommen. Er musste viel halten, zu viel halten. Am Ende hat er es dann nicht mehr ausgehalten und das Tor freigegebenen. Es kann jeden von uns treffen. Besser, wenn wir darauf vorbereitet sind.

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