Nach einiger Leere in meinem Kopf melde ich mich nun zurück. Vielleicht erst einmal nur für diesen einen Beitrag, denn zur Zeit fällt mir nicht viel ein, finde ich keine Themen oder Anlässe, die mich innerlich dazu bewegen, etwas zu veröffentlichen, etwas bei zu steuern auf der Autobahn der Daten, dem Internet, aber immerhin.
Anlass meines kurzen Sinneswandel war der Film "Irreversible", das französische Werk von Gaspar Noé.
In der Nacht nach dem Film, musste ich kurz für kleine Schlafwandler. Als ich wieder in den Daunen lag, drängte sich mir eine Interpretation auf, die mich erst wieder einschlafen ließ, nachdem ich sie in Gedanken fast komplett in meinem Blog niederschrieb. Heute zolle ich dem unbarmherzigen Geist nächtlicher Unruhen meinen Tribut, um ihn zu besänftigen, damit ich in kommenden Nächten wieder ungestört schlafen darf.
Diese Filmanalyse ist natürlich nur sinnvoll für Jemanden, der/die den Film schon gesehen hat.
Also: erst schauen, dann lesen. Aber ACHTUNG, der Film enthält realistische, exzessive und ausgedehnte Darstellungen von Gewalt!!!!
Hier noch einmal eine kleine Zusammenfassung, um dem Weg meiner Interpretation leichter zu folgen:
Eine Frau 'Alex' hat Sex mit ihrem Freund 'Marcus', dessen bester Freund 'Pierre' der Ex-freund von Alex ist. Alex wird schwanger. Das Paar hat eine Verabredung mit Pierre. Sie wollen gemeinsam auf eine Party. Auf der Party angekommen amüsiert sich Marcus mit Drogen und Alex verlässt genervt die Party, verabschiedet sich von Pierre. In einer Unterführung wird Alex vergewaltigt; von einer aggressiven "Schwuchtel", die ihr natürlich in den Arsch fickt. Der Triebtäter schlägt sie brutal zusammen. Marcus und Pierre verlassen die Party, sehen gerade noch, wie Alex mit dem Krankenwagen weggebracht wird. Marcus ist verstört, weiß nicht mit der Situation umzugehen. Da kommen zwei Männer und bieten an, die "Schwuchtel" zu finden, die seinen Ausweis am Tatort verloren hatte. Nun beginnt der Trip, der im "Rectum", einer Schwulenbar, endet. Marcus findet den Vergewaltiger, will ihn fertig machen, wird jedoch zu Boden geworfen. Sein Arm wird gebrochen und Pierre schlägt mit einem Feuerlöscher die "Schwuchtel" zu Boden; zertrümmert ihm seinen Schädel. Ende
Auf den ersten Blick wirkte der Film auf mich wie ein radikaler Entzug aus der Alltäglichkeit, eine überschaubare Situation eskaliert unvorhergesehen und wird zu einem wirren Alptraum. Eine relativ leicht nachzuvollziehende Geschichte, deren Bilder alles andere als leicht zu verarbeiten sind.
In der besagten Nacht drängte sich mir eine andere Interpretation des Films auf, eine tiefenpsychologische Analyse, die im Film auftauchende Symbole und nicht auf den ersten Blick erkennbare Zusammenhänge heraus filterte.
In einer Szene am Anfang der Geschichte klagt Marcus über Schmerzen im Arm. Warum, wird nicht gesagt. Dieser Arm wird ihm später im Rectum gebrochen. Hier wird ein erster Faden gelegt, der vermuten lässt, dass der Film nicht so einfach zu betrachten ist, sondern Verstrickungen Innerhalb enthält, die den Film schicksalhaft, vorherbestimmt verknüpfen. In der nächsten Szene meint er zu Alex, dass er sie gerne mal in den Arsch ficken würde. Eine weitere Verknüpfung zu dem späteren Ereignis in der Unterführung. U.a. stellen diese Zusammenhänge analytisch gesehen für mich einen Konflikt dar, der im inneren von Marcus statt findet; sein schlechtes Gewissen Pierre gegenüber, mit dessen Frau er zusammen ist. In Gesprächen zwischen den Dreien findet sich dieses Problem immer wieder, so provoziert Pierre die beiden was ihren Sex angeht, indem er sich selbst zynisch als Versager darstellt, mit dem Alex keinen Orgasmus haben konnte. Damit befeuert er regelrecht die entzweite Psyche von Marcus. Einen Ausweg aus diesem Dilemma findet Marcus nun, indem er sein böses Ich 'Joe Prestia' erschafft, die "Schwuchtel", die sich latent zu Pierre, seinem besten Freund hingezogen fühlt, die sich an Alex dafür rächt, dass sie sich zwischen die beiden gestellt hat. In einer Szene im Film bestätigt Alex ihre Verantwortlichkeit dafür, für mich, als sie mit der Äußerung "Die Frau wählt immer aus" erklärt, sie sei für die Situation, in der sich die drei befinden, verantwortlich. Der Konflikt endet aber nicht mit der Vergewaltigung von Alex, da Marcus sie ja immer noch liebt, aber unbedingt mit Pierre ins Reine kommen möchte. Sie machen sich also gemeinsam auf die Suche nach Joe Prestia, dem bösen Ich, dem schlechten Gewissen von Marcus. Auf diesem Trip macht sich Marcus zum Opfer, der keine Kontrolle mehr über sich hat, der sich willenlos seiner Rache für Alex ausgeliefert sieht, und lässt sich immer wieder von Pierre "beschützen", der in vielen Situationen eine Eskalation verhindert. Er signalisiert Pierre damit indirekt, dass er nicht anders konnte/kann, als mit Alex zusammen zu sein, dass er alles für Alex tun würde. Im Rectum angekommen, das wieder für seine latente Liebesbeziehung zu seinem besten Freund steht, stellen sie schließlich den Vergewaltiger, der ja eigentlich er selber ist, sein eigener Trieb, seine eigene Lust auf Alex, mit der er sogar seine Freundschaft aufs Spiel setzen würde. Marcus versucht sein anderes Ich zu bekämpfen, niederzuschlagen zu besiegen, was ihm natürlich nicht gelingt, nicht gelingen darf, denn das ist Aufgabe von Pierre, mit dem Marcus nun seine Befreiung findet. Marcus dreht den Spieß um, er macht sich nun zum Versager, zeigt noch einmal unmißverständlich, dass er das Opfer ist und Pierre verzeiht ihm, nimmt ihm seine Schuld, während er Joe Prestia den Schädel so lange mit einem Feuerlöscher einschlägt, bis dessen Fratze eingestampft, ausgelöscht, nicht mehr zu erkennen ist. Dabei ist auch der Feuerlöscher ein witziges Symbol, mit dem er das Feuer zwischen den beiden löscht, aber auf andere Weise, als eigentlich vorgesehen.
So sollte es eigentlich sein! Leider gehört der zermatschte Kopf gar nicht Joe Prestia. Das gefundene Opfer steht nur für eine nun scheinbar gereinigte Beziehung zwischen Marcus und Pierre. Und auch für einen scheinbaren Frieden, weil Pierre glaubt den Trieb von Marcus zu Alex ausgeschaltet zu haben und sich wieder Hoffnung macht, sie zurück zu bekommen. Vom Prinzip her handeln sie so, als würde sie aktiv an einer Wiedergutmachung arbeiten, in Wirklichkeit trickst Marcus böses Ich seinen Freund jedoch aus, denn sein Trieb nach Alex besteht ungehemmt weiter. Im Film steht Joe Prestia neben der Szenerie und ergötzt sich an dem brutalen Geschehen. Das Gesicht des unschuldig zum Tode verurteilten nur noch ein Haufen Brei, unkenntlich gemacht und eine Genugtuung für Joe, der zusieht, wie Pierre für ihn das Problem nun aus der Welt stampft, und so zu einem Bruch zwischen den Freunden führt, der aber im Film nicht gezeigt wird und sich nur aus meiner logischen Schlussfolgerung aus der Geschichte zieht:
Die Wege von Pierre und Marcus müssen sich zwangsläufig trennen - Marcus folgt, auf einer Trage; ähnliche Einstellung wie bei Alex; seiner Freundin ins Krankenhaus. Pierre dagegen hat die Schuld nun ganz auf sich genommen und wandert in den Knast - in seinen eigenen Knast, denn eigentlich liebt er Alex immer noch, hat sie nun aber für immer verloren.
