Es ging wieder los. Sie gingen wieder los. Erst krochen sie aus ihren Betten, wuschen sich den Nachtschweiß aus dem Gesicht, stärkten sich mit weichgekochten Eiern, Kaffee oder Bier. Dann warfen sie sich in Schale, ihre Tracht, kleideten sich passend für den kommenden Konflikt. Jetzt stiefelten sie los, versammelten sich, zwängten sich zusammen zu einer beweglichen Masse.
Bis hierher weiß ich noch gar nicht, wen ich da eigentlich beschreibe. Menschen aus dem Alltag, rüsten sich für eine kommende Schlacht. Für den ungeübten Beobachter erkennbar auseinander zu halten. Die Polizisten in voller Montur, optisch einheitlich, wie die Klone aus Krieg der Sterne stampfen sie delegiert von ihren Zugführern. Die andere Seite, die Autonomen und Randalierer, schwarz, wild in ihren individuellen Protestkostümen, irren sie scheinbar unkontrolliert herum. Aber auch die dunkle Seite ist organisiert. Es ist eine unbekannte Hand, die sie führt, eine unsichtbare Macht, die sie wie Wellen hin und her schwappen lässt, immer auf der Suche nach Schwachpunkten in den Reihen der verstaatlichten Sturmtruppen. Aber wenn man genauer hinsieht, dann erkennt man wieder die Gemeinsamkeiten: die Gesichtslosen, die aufeinander treffen, die sich nicht kennen und scheinbar am besten mit Stöcken oder Steinen argumentieren. Erst stehen sie sich gegenüber, die Emotionen, die Schwachpunkte der Menschen, hinter Helmen, Stoffen, Tüchern verborgen, werden sie zu Rittern, zu Kriegern, zur Mauer und zum Rammbock. Und scheinbar ist Gut und Böse genau getrennt. Die Polizei, dein Freund und Helfer. Hoch gerüstet schützt er den einfachen Bürger, sowie den Staatsapparat. Er stellt sich dem Feind gegenüber, türmt sich auf zum unbezwingbaren Riesen, zum Felsen. Und den "Bösen" bleibt nichts anderes übrig, als sich mit Pickel und Eisen auszustatten und sich auf das Ungetüm zu stürzen, um es zu bezwingen, um den Gipfel des Triumphs zu erklimmen. Der Berg ruft und seine Jünger folgen diesem Klang. Und so warten sie und keiner weiß, wer eigentlich zuerst da war, wer wen aufs Schlachtfeld gelockt hat. Und dann geht es los und es ist egal, wer den ersten Stein geworfen hat, denn alle sind auf Adrenalin und feuern sich gegenseitig an, die Fronten sind geklärt, jetzt kann nichts mehr schief gehen. Jeder folgt dem Ritual der ewigen Gewalt, die unsere Gesellschaft begleitet, wie ein zu langer Schwanz, der jedem ins Gesicht schlägt, dem wir nicht ins Gesicht sehen können, der uns selbst ins Gesicht schlägt, wenn wir uns um uns drehen, uns einwickelt, je schneller wir rotieren und uns lähmt. Am Ende springen wir herum wie Verrückte in ihrer Zwangsjacke, werfen uns gegen die Mauern, die uns umgeben.
Das Vermummen ist verboten. Aber das Verbot gilt nur für eine Seite. Natürlich kann das nicht funktionieren. Und deshalb hält sich auch keiner daran. Aber wozu der ganze Aufwand, dieser Mummenschanz, die Akteure, in diesem Schaupiel, können und wollen sich eh nicht ins Gesicht sehen. Und wenn sie sich alle in ihren Masken verkrochen haben, ist es ein bisschen so wie auf der Autobahn, wo die Blechkisten, in denen der Mensch verschwindet, gegeneinander antreten auf der scheinbar nie enden wollenden Rennbahn, einem unbekannten Ziel entgegen.
Polizei und Randalierer, sie ziehen sich am 1. Mai gegenseitig an. Es war so und es wird so sein, weil keine Seite bereit ist den Platz zu räumen, den sie einmal eingenommen hat. Den Platz in der Gesellschaft. Beide sehen sich als Retter, und am Ende bietet sich das Bild der Zerstörung.
Morgens, wenn die Luft wieder abgekühlt ist, vermischt sich der feuchte Nebel mit dem letzten Qualm, der aus den glühenden Haufen aufsteigt. Jetzt sind sie müde geworden und ziehen sich in ihre Nester zurück. Schließen die erschöpften Augen, werden wieder zu sanften Schäfchen, bis zum nächsten 1. Mai, oder, wenn sie Glück haben, schon vorher irgendwo. Schlachtplätze wird es immer geben auf der Welt, solange wir etwas zu verteidigen haben.
